Kreta - Κρήτη Drucken
Geschrieben von: Heike Lammert   
Sonntag, den 17. Februar 2013 um 13:45 Uhr
 
Kreta - Κρήτη - das etwas andere Griechenland

 „Man darf im Leben nicht zu früh nach Kreta kommen, sonst sieht man nichts anderes mehr von der Welt...“ (Zitat eines unbekannten Philosophen)

Kreta ist in der Tat eine wunderschöne Insel mit einem besonderen Charme und auch anders als der Rest von Griechenland. Dies ist begründet in der geografischen Lage und in der Geschichte der Insel. Selbst die Sprache und die Küche (mit türkischen und kleinasiatischen Einflüssen) unterscheiden sich. Auch viele Sagen und Mythen haben ihren Ursprung in Kreta. Der Minotaurus, ein Wesen mit menschlichem Körper und Stierkopf, war auf Kreta ebenso zuhause wie der Ikarus, der zu nah an die Sonne flog und abstürzte. Auch Zeus verbrachte seine Jugend in Kreta, wo er von seiner Mutter Rea vor seinem Vater Kronos versteckt und von Nymphen aufgezogen wurde. Kronos stürzte einst selbst seinen Vater Uranos, er hatte Angst, seine Kinder könnten das gleiche tun und deshalb verschlang er seine Kinder, außer Zeus. Er war auf eine List seiner Frau Rea hereingefallen. Jahre später stürzte Zeus seinen Vater vom Thron und zwang ihn, all seine Kinder wieder auszuspucken. Es war der Ursprung der olympischen Götter.

Wir haben im Oktober 2011 eine Reise nach Kreta gemacht. Von unserem Heimatort Amaliada auf dem Peloponnes sind wir mit dem Pkw bis Kiato (kurz vor Korinth) gefahren. Ab Kiato haben wir den Proastiakos (Zug) direkt bis Piräus genommen. Von dort haben wir die Fähre nach Iraklio, Kretas Hauptstadt, genommen. Früh morgens konnten wir unseren Mietwagen am Hafen in Empfang nehmen und haben uns gleich auf den Weg nach Ierapetra gemacht. Schon die 90 km lange Fahrt war für mich ein Erlebnis. Zunächst ging es ostwärts Richtung Agios Nikolaos, anschließend über die Berge Richtung Süden. Innerhalb kürzester Zeit ist man vom Meer in den Bergen. Die Landschaft ist fantastisch. Je weiter man Richtung Südosten kommt, desto karger wird die Gegend. Selbst der Geruch ist ganz anders.

Ierapetra liegt im Südosten von Kreta und ist (ohne Zypern) die südlichste Stadt Europas. Mit knapp 12.000 Einwohnern ist sie die viertgrößte Stadt der Insel und gehört zum Regionalbezirk Lasithi. 1798 soll Napoléon Bonaparte auf seinem Feldzug nach Ägypten in Ierapetra Halt gemacht haben. Sehenswürdigkeiten sind das venezianische Kastell von 1626, die Agios-Georgios-Kirche im Stadtzentrum und eine teils verfallene türkische Moschee mit einem restaurierten Minarett und Brunnenhaus. Von Ierapetra aus fahren im Sommer Touristenboote zur unbewohnten Kalksandinsel Chrysi, die sehr schöne, feine Strände hat. Der Tourismus in Ierapetra und im Bezirk Lasithi ist noch nicht sehr stark ausgeprägt. Die Gegend eignet sich hervorragend für Individualurlauber und Naturliebhaber. Haupterwerb ist der Anbau von Gemüse, vor allem Tomaten, Paprika, Gurken und Bohnen. Überall fallen die Treibhauskulturen auf. Für die nötige Bewässerung sorgt der nordwestlich von Ierapetra gelegene Stausee bei Gra Ligia. Für uns war Ierapetra das Ziel, weil hier Freunde von uns wohnen. Etwas außerhalb von Ierapetra haben wir ein kleines Appartement gebucht, direkt am Meer, mit einer fantastischen Aussicht und gar nicht teuer.

Von Ierapetra aus unternahmen wir mit unserem kleinen Mietwagen jede Menge Ausflüge in die nähere Umgebung und in die Berge. Insbesondere die Fahrten in die Hochebenen, weit ab vom Pauschaltourismus, haben uns tief beeindruckt. Man fühlt sich um mehrere Jahrzehnte in die Vergangenheit zurück versetzt. Hier findet man Natur pur. Eine einzigartige Landschaft, eine artenreiche Flora und Fauna und die kleinen Bergdörfer, die fast ausgestorben sind. Die Einheimischen sind sehr neugierig auf Fremde. Gastfreundschaft wird ganz groß geschrieben. Besonders schön sind die Thripi Berge und die Lasithi-Hochebene. Überall riecht es nach wilden Kräutern: Thymian, Salbei, Bergminze, Oregano und Diptam-Dost. Diptam oder Diktam gilt als ein Universal-Heilkraut. Aufgüsse von Diktam sollen die Wundheilung fördern und der Diktam-Tee soll Verdauungsprobleme lindern. In der Antike glaubte man, dass Diktam alle Krankheiten heilen könne. Diktam und seine Mischungen mit anderen Kräutern sind als „Kretischer Bergtee“ erhältlich. Ansonsten ist die Gegend eher karg, neben Olivenbäumen wachsen hier überall die widerstandsfähigen und kugelbuschartigen Pflanzen namens Phrygana. Es ist ein immergrünes Buschwerk. Auch kommen der Johannisbrotbaum und Platanen vor, ganz vereinzelt auch die kretische Dattelpalme, Kiefern, Zypressen und Eichen. Auch gibt es einige schöne Pflanzen, die ursprünglich allerdings nicht in Kreta beheimatet waren: kretischer Aronstab, Sauerklee, rot- oder gelbblühende Mittagsblumen und die amerikanische Agave. Ab und zu hört man Grillen und Zikaden. Dominiert wird die Fauna aber eindeutig von Ziegen und Schafen.

Schön sind auch immer die Ausflüge, die wir mit unseren Freunden unternehmen. Danny und Dieter sind Deutsche, leben aber schon seit vielen Jahren auf Kreta und sind im Tourismus tätig. Dieter kennt sich überall aus, hat immer eine interessante Geschichte und viele Anekdoten zu erzählen. Wir könnten ihm stundenlang zuhören.

In der Mittagszeit kehren wir auf unseren Touren immer in dem meist einzigen Kafenio im Ort ein. Wir bestellen ein Bier und erhalten oft ungefragt ein Mezes dazu. Mezedes sind eine Art kleine Appetithäppchen die auf kleinen Tellerchen angerichtet werden. Die Speisen können ganz unterschiedlich sein, je nachdem was die „Oma“ des Hauses gerade auf dem Herd hat. Es können mit Reis gefüllte Weinblätter (Dolomades), weiße Bohnen in Tomatensauce, Schmorfleisch, Oliven und Käse (Feta oder Graviera), Brot und Tzatziki und vieles mehr sein. Spricht man mit den Einheimischen, so fällt der starke Dialekt in der Sprache auf. Insbesondere wird aus dem „k“ ein „tsch“. So wird aus dem Hündchen, dem Skilaki, ein Skilatschi. Der Dialekt wird auch heute noch sehr gepflegt. Von den Festlandgriechen wird er oft belächelt, die Kreter werden wegen des Dialekts oft für rückständig und stur gehalten. Wir haben aber nur liebenswerte und sehr gastfreundliche Menschen getroffen.

An einem Abend wollen wir alle gemeinsam Essen gehen. Durch Zufall wird im Keller des Restaurants gerade Raki gebrannt. Wir werden eingeladen, uns die Raki-„Brennerei“ anzuschauen. Schnell sitzen wir am Tisch und bekommen Raki serviert. Dazu drückt uns die Oma des Hauses (wahrscheinlich auch die Chefin der „Veranstaltung“) mit ihren pechschwarzen Händen Kartoffeln, die im Brennofen mit gegart wurden, in die Hand. Natürlich alles ohne Teller, Besteck oder Servietten. Das hat uns aber gar nicht gestört, ganz im Gegenteil. Die Gastfreundschaft war unbeschreiblich herzlich, ein tolles Erlebnis. Aber Vorsicht ist geboten: solange man das Gläschen mit Raki austrinkt, wird nachgeschenkt. Ich wäre dankbar gewesen, wenn mir Dieter das vorher gesagt hätte. Die Nachwirkungen waren bei mir am nächsten Tag zu spüren.

Im Gegensatz zum türkischen Raki enthält der kretische Rakí übrigens keinen Anis. Der kretische Raki ist ein Tresterbrand und wird im Herbst nach der Weinlese aus den Pressrückständen der Weintrauben destilliert. Raki ist klar und wird unverdünnt getrunken. Auf Kreta ist Raki ein Nationalgetränk. Durch Lizenz-Beschränkungen von staatlicher Seite gibt es nur relativ wenige Familienbetriebe auf Kreta, die legal Rakí brennen dürfen. Es wird aber viel Raki „schwarz“ gebrannt. Eine besondere Raki-Spezialität ist der Rakomelo (ρακόμελο), d.h. Raki (ρακή) mit Honig (μέλι). Insbesondere im Winter wird dieses Getränk heiß getrunken und wird bei Erkältungen als „Medizin“ eingenommen. Auch wir nehmen dieses „Mittel“ bei Erkältungen zu uns. Die medizinische Wirkung ist zweifelhaft, aber man bekommt warme Füße und kann danach sehr gut schlafen.

Leider hatten wir nur zehn Tage Zeit, eigentlich nur eine Woche, aber auf Grund eines landesweiten Streiks „mussten“ wir drei Tage verlängern. Leider kann man in dieser Zeit nicht die gesamte Insel besuchen und entdecken. Gerne möchten wir auch mal den Norden mit der Samaria-Schlucht und vielen anderen Sehenswürdigkeiten besuchen. Im März 2013 werden wir aber wieder unsere Freunde in Ierapetra besuchen.

Fotos von unserer Reise nach Kreta gibt es im Fotoalbum.


Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 06. November 2013 um 19:51 Uhr